Grimmes Stimme: Kolumne von Çiğdem Uzunoğlu in „Politik & Kultur“

Gutes Programm: TV-Produktionen mit Sorgfalt und Haltung

Was ist eigentlich »gutes Programm«? Die Frage klingt einfach, ist es aber nicht. Umso hilfreicher sind Momente, in denen sich darauf konkrete Antworten finden lassen. Einer dieser Momente ist jedes Jahr die Bekanntgabe der Grimme-Preisträgerinnen und -träger für mich. Unter ihnen finden sich zahlreiche Beispiele für Produktionen, die Haltung zeigen, sorgfältig gearbeitet sind und neue Perspektiven eröffnen.

Warum ich so einsteige? Mitte März war es wieder so weit, die diesjährigen Grimme-Preisträgerinnen und -träger wurden bekannt gegeben und Produktionen und Leistungen, ausgezeichnet, die genau diesen Kriterien entsprechen: sie sind mit Sorgfalt entstanden, lassen Haltung erkennen lassen und eröffnen neue Perspektiven. Fernsehen, das über den Moment hinausweist, TV mit Vorbildcharakter – das auch in einer zunehmend digitalen Medienwelt Orientierung bietet.

Das darunter nicht nur Inhalte des »Linear TV« zu finden sind, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Am mittlerweile 62. Grimme-Preis konnten sich alle TV-Veranstalter sowie Anbieter von Produktionen mit fernsehgemäßer Gestaltung beteiligen. Längst wird gutes Fernsehen auch gestreamt. Und im Netz findet sich auch das eine oder andere »gute Programm«.

Besonders gefällt mir, dass sich in diesem Jahr Ernsthaftigkeit und eine gewisse Leichtigkeit miteinander mischen. Man denke etwa an Produktionen wie »Tschappel«, eine bisweilen skurrile Miniserie über das Erwachsenwerden auf dem Land. Zugleich greifen einige der ausgezeichneten Arbeiten Themen auf, die es nie auf die große öffentliche Agenda geschafft haben – oder längst von ihr verschwunden sind, obwohl sie für viele Menschen weiterhin von Bedeutung bleiben und ihren Alltag prägen.

Nicht nur aus Gründen der Aktualität, sondern mit Blick auf die intensiven Debatten des vergangenen Jahres über die Nahost-Berichterstattung möchte ich den Preis für die »Besondere journalistische Leistung« hervorheben, der erneut an eine Frau geht: Golineh Atai wird in diesem Jahr für ihre ruhig erzählten, analytisch präzisen Berichte aus dem Nahen Osten ausgezeichnet. Solche Stimmen sind in unserer aufgeheizten Debattenkultur wichtiger denn je – und mit Blick auf die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region umso mehr.

Und schließlich möchte ich noch eine Produktion hervorheben, die einer außergewöhnlichen Frau gewidmet ist: »Petra Kelly – Act Now!«. Der Film erzählt die bemerkenswerte Geschichte einer Politikerin, die zahlreiche politische Widerstände überwinden musste und mit großer Entschlossenheit für ihre Überzeugungen einstand. Zugleich eröffnet er einen neuen Blick auf ihre Prägung durch die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, auf die frühen Jahre der Grünen im Parlament und auf ihr tragisches Ende. Man hat beim Sehen das Gefühl, Petra Kelly noch einmal neu kennenzulernen – und genau darin zeigt sich, was »gutes Programm« leisten kann.

Interessant ist auch, wo sich das »gute Programm« manchmal findet: In der Kategorie Information & Kultur wird der Privatsender RTL2 für den Zweiteiler »Hass.Hetze.Hoffnung.« ausgezeichnet, es ist der zweite Grimme-Preis in der Sendergeschichte.

Das sollen nur einige wenige Beispiele sein, am Ende ist ausgezeichnete Produktion, jeder Preisträger und jede Preisträgerin für sich besonders und herausragend. Ich will hier keinen Grimme-Preis – im Nachhinein – in Silber oder Gold verteilen, davon hat man sich bei Grimme schon vor Jahren verabschiedet. Vielmehr möchte ich vor allem Lust machen auf starkes Bewegtbild: von privaten Anbietern ebenso wie von öffentlich-rechtlichen.

Bei aller Begeisterung muss aber auch angemerkt werden: Es mangelt beispielsweise an hochkarätigen Auseinandersetzungen mit dem Thema Krieg – für Erwachsene und auch bei jungen Zielgruppen. Gleiches gilt für das Thema Klimawandel.

Das ist nicht das Problem der Preisträgerinnen und -träger, die ich an dieser Stelle gerne nochmal beglückwünschen möchte. Aber das ist natürlich problematisch für die Medienlandschaft allgemein! Für eine resiliente demokratische Gesellschaft braucht es nicht nur Vielfalt und Widerspruch, sondern auch den Mut, sich den drängenden Fragen offensiv und kritisch zu stellen. Gerade jetzt gilt es, hier Lücken zu schließen!

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 4/2026