Diskursraum | Journalismus: zwischen Objektivität, Aktivismus und Auszeichnung
Datum: 11. Juni 2026
Zeit: 11:00 Uhr – 17:15 Uhr (17:15 Uhr – 18:15 Uhr: Get-together)
Ort: NRW-Forum, Düsseldorf
Moderation: Torsten Zarges
Anmeldung: info@grimme-institut.de.
Die Veranstaltung widmet sich einem der zentralen Spannungsfelder gegenwärtiger Medienöffentlichkeit: dem Verhältnis von journalistischer Haltung, persönlicher Unabhängigkeit und aktivistischem Engagement. Zugleich greift sie auch die Frage auf, welche Rolle Medienpreise als normsetzende Instanzen in diesem Gefüge spielen.
Wie viel Haltung verträgt Journalismus – und wo beginnt Aktivismus? Bei zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung, sich verstärkender digitaler Empörungsdynamik und der wachsenden Sichtbarkeit journalistischer Akteur*innen in sozialen Medien geraten klassische Leitbilder wie Neutralität, Objektivität und professionelle Distanz verstärkt unter Rechtfertigungsdruck. Gleichzeitig gewinnen journalistische Formate an Bedeutung, die explizit Haltung zeigen, Wirkung anstreben oder gesellschaftlichen Impact betonen – nicht selten honoriert durch renommierte Auszeichnungen.
Im Mittelpunkt stehen dabei grundlegende Fragen: Wo verlaufen heute die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus? Wann wird Haltung zu einem legitimen Bestandteil journalistischer Arbeit – und wann zur Herausforderung für Glaubwürdigkeit? Wann wird Haltung zur Marke – und wann zur Glaubwürdigkeitsfalle? Welche publizistischen Normen werden durch Medienpreise gestärkt, verschoben und neu gesetzt? Und wie sollten preisvergebende Institutionen mit diesen Entwicklungen umgehen? Was bedeutet Überparteilichkeit unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen?
Die Fachtagung knüpft an vorhergehende Grimme-Debatten an und eröffnet einen weiteren Diskursraum, in dem Journalist*innen, Medienwissenschaftler*innen und weitere Interessierte in Keynotes und Panels über historische Grundlagen journalistischer Selbstverständnisse, aktuelle Rollenkonflikte sowie die politische und symbolische Bedeutung von Medienpreisen diskutieren. Anhand konkreter Fallbeispiele werden Konfliktlinien sichtbar gemacht und kritisch reflektiert.
Ziel der Veranstaltung ist es, einen differenzierten, nicht-polarisierenden Austausch zu ermöglichen, Orientierung in einem normativ aufgeladenen Feld zu bieten und gemeinsame Perspektiven für Journalist*innen, Preisgremien, Nachwuchs und Öffentlichkeit zu formulieren.
Der Diskursraum versteht sich dabei ausdrücklich als Ort der offenen Debatte – jenseits einfacher Zuschreibungen von „Haltungs-“ oder „Gesinnungsjournalismus“ – und als Einladung, journalistische Verantwortung unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen neu zu denken und Qualitätsdiskurse entsprechend zeitgemäß zu halten und weiterzudenken.
Programm
11:00 Uhr
Begrüßung
- Ciğdem Uzunoğlu, Direktorin / Geschäftsführerin des Grimme-Instituts
11:10 Uhr
Keynotes: „Objektivität als Mythos?“ Über die normativen Grundlagen journalistischer Unabhängigkeit und das eigene Selbstverständnis
Die Keynotes behandeln Aspekte wie die historische Entwicklung des Neutralitätsideals: Was heißt es, sich nicht gemein zu machen? Analysiert werden darüber hinaus Publikumserwartungen und gesellschaftliche Verantwortung, die zunehmende Verwischung von Rollenbildern in Social Media und die Bedeutung von Unabhängigkeit in Zeiten digitaler Empörungskultur.
Keynote 1: „Objektivität als Mythos?“ – Perspektive der Wissenschaft
- Prof. Dr. Michael Steinbrecher / Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus, Institut für Journalistik, Technische Universität Dortmund
Keynote 2: „Perspektiven statt Haltung. Wie Journalismus in Zeiten des Aktivismus glaubwürdig bleibt“
- Jörg Schönenborn / Journalist & Moderator „Tagesthemen“, „Presseclub“, ARD-Wahlsendungen, WDR
11:50 Uhr
Talk: „Auf einer Seite?“ – Vom Journalismus zum Engagement
Die Talkrunde stellt journalistische Projekte vor, die sich einem klaren gesellschaftlichen Ziel verschrieben haben. Die Macherinnen erläutern, wie sie mit Transparenz und Objektivität umgehen, ob und wie sie sich von aktivistischen Publikationen abgrenzen und wie andere Redaktionen von ihrer spezifischen Expertise profitieren können.
- Maria Timtschenko / Autorin, Newsletter „Wie Rechte reden“
- Céline Weimar-Dittmar / Freie Journalistin & Redakteurin „brandmelder“, Netzwerk Klimajournalismus Deutschland
12:10 Uhr
Panel: „Wie halten wir's mit der Haltung?“ – Zwischen Engagement und Neutralität
Prägende journalistische Köpfe aus unterschiedlichen Mediendisziplinen diskutieren, ob und wie persönliche Haltung die journalistische Arbeit beeinflusst, wie sich das auf die Glaubwürdigkeit beim Publikum auswirkt, wie sich Ziele wie Transparenz oder Objektivität im Alltagsbetrieb managen lassen und wie man mit Kampfbegriffen wie „Haltungsjournalismus“ oder „Agenda Journalism“ umgeht.
- Nena Brockhaus / Journalistin, Autorin, Moderatorin „Meinungsfreiheit mit Nena Brockhaus“, WELT
- Moritz Döbler / Chefredakteur, Rheinische Post & Sprecher des Deutschen Presserats
- Alev Doğan / Stv. Chefredakteurin, The Pioneer
- Jörg Schönenborn / Journalist & Moderator „Tagesthemen“, „Presseclub“, ARD-Wahlsendungen, WDR
13:10 Uhr
Mittagspause
14:10 Uhr
Keynote: „Ausgezeichnet! Wie Medienpreise publizistische Normen prägen“
In dieser Keynote wird ein Überblick darüber gegeben, welche journalistischen Werte durch Preise honoriert werden und welche Beiträge sie zum Mediendiskurs liefern. Es geht um Verschiebungen von der klassischen Recherche zum Impact- oder Engagement-Journalismus und um Fallbeispiele von Preisen für investigativen Journalismus und für aktivistische Formate. Darüber hinaus soll es um die Frage gehen, ob Awards politische Lagerbildung verschärfen.
- Jenni Zylka / Schriftstellerin, Journalistin und Moderatorin, Jurymitglied des Grimme-Preises
14:25 Uhr
Panel: „Medienpreise unter Druck? – zwischen Qualitätsmaßstab & politischem Symbol“
Medienpreise sollen journalistische Glanzleistungen würdigen. Doch nach welchen Kriterien fallen Juryentscheidungen wirklich? Wie sollten Preisgremien auf gesellschaftliche Polarisierung reagieren? Und was passiert, wenn Kontroversen um prämierte Beiträge entstehen? Medienmacher:innen mit vielfacher Jury-Erfahrung diskutieren die Fallstricke hinter den Awards.
- Friedrich Küppersbusch / Geschäftsführer probono Fernsehproduktion GmbH, Jurymitglied beim Deutschen Reporter:innen-Preis
- René Martens / Freier Journalist, Jurymitglied beim Grimme-Preis
- Diemut Roether / epd Medien
- Schiwa Schlei / Programmchefin 1LIVE & COSMO, Jury-Vorsitzende des Civis Medienpreises
- Prof. Michael Schwertel / Professor für Medienmanagement, Mitglied der Nominierungskommission des Grimme Online Award
15:25 Uhr
Pause
15:45 Uhr
Talk „Wenn Diskurse scheitern – Leben in unversöhnlichen Zeiten?“
Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft stellt auch die öffentliche Debattenkultur vor neue Herausforderungen: Die Unversöhnlichkeit von Positionen führt dazu, dass Diskurse neu begleitet werden müssen. In diesem Talk soll es um Diskursstrategien zur Begleitung sozialer Probleme und um mögliche Ansätze wie Minimalkonsens, neue Debattenkultur, Regeln im Umgang mit Konflikten gehen.
- Prof. Dr. Christoph Bieber / Center for Advanced Internet Studies (CAIS)
- Prof. Dr. Lars Rinsdorf / Professor für Kommunikationswissenschaft an der TH Köln
- Çiğdem Uzunoğlu / Direktorin und Geschäftsführerin Grimme-Institut
16:30 Uhr
Präsentationen + Q&A: „Diskurs neu gedacht – Wenn Sender zu Empfängern werden“
Schluss mit der kommunikativen Einbahnstraße: Akzeptanz und Glaubwürdigkeit der Medien hängen mehr denn je daran, dass Konsument:innen sich mit ihren Anliegen gehört und gesehen fühlen. Wertvolle Impulse entstehen aus der aktiven Einbeziehung des Publikums. Zum Abschluss des Tages stellen wir journalistische Projekte vor, die neue Diskursräume öffnen und innovativ zur Förderung der öffentlichen Debattenkultur beitragen.
- „Public Spaces Incubator“, Robert Amlung / Senior Innovation Advisor in der Direktion Audience des ZDF
- „Plan D“, Alisa Schellenberg / Redakteurin Politik, DIE ZEIT
- „Eine Stunde reden. Das Dialogspiel – ein Angebot des Bonn Institute“, Ellen Heinrichs / Geschäftsführerin, Bonn Institute & Nina Pater / Managerin für medienübergreifenden Journalismus, Hessischer Rundfunk (Anwendung in der Praxisphase)
17:15 Uhr
Ausklang & Networking
18:15
Ende der Veranstaltung
Anmeldung
Der Besuch der Veranstaltung ist kostenlos, eine vorherige Anmeldung allerdings notwendig. Bitte benutzen Sie bei Interesse hierfür die Mailadresse info@grimme-institut.de.
